Kleidersammlungen: Kommerz statt Karitas

29.12.2012 14:59

Kleidersammlungen: Kommerz statt Karitas


46'000 Tonnen Altkleider entsorgen wir Schweizer jährlich in Spendesäcken. Es heisst: Unsere Kleider helfe den Armen. Doch «Kassensturz» zeigt: Statt bei Bedürftigen landet die Ware bei geschäftstüchtigen Händlern – oder im Recycling.

 

Kleiderhilfe, die ankommt

Wer sicher  sein will, dass seine alten Kleider weiter getragen werden oder  bedürftigen Menschen zugute kommen hat mehrere Möglichkeiten: Er kann sie selber am Flohmarkt verkaufen, privat weitergeben oder der Kleiderhilfen von Hilfswerken abgeben  – zum Beispiel bei den  Kleiderspende-Diensten der Hilfswerke Caritas und dem Schweizerischen Roten Kreuz.

Caritas betreibt seit über 40 Jahren ein eigenes Sortierwerk in Waldibrücke nahe Luzern. Dort werden nach eigenen Angaben jährlich rund 650 Tonnen Altkleider sortiert.

Der Grossteil der Kleider wird für die Not- und Katastrophenhilfe im Ausland verwendet. Caritas Schweiz liefert die Kleidungsstücke an Partnerorganisationen in Osteuropa, Afrika und Lateinamerika.

Drei bis vier Prozent der gesammelten Altkleider bleiben laut Hugo Fuchs, Verantwortlicher Kleiderspenden bei der Caritas, in der Schweiz. Sie kommen entweder in den «Kleiderhilfe»-Laden in Emmen, in dem Menschen mit knappem Budget einkaufen können, oder in den Secondhandladen in Waldibrücke, der für alle offen ist.

Wer Caritas Kleider zur Verfügung stellen möchte, kann dies auf unterschiedliche Wege tun: Caritas holt Kleider und Schuhe persönlich ab, nimmt sie aber auch in der Kleiderzentrale oder in regionalen Caritas-Stellen entgegen. Ausserdem befinden sich in der Stadt und Region Luzern mehrere Caritas-Sammelcontainer.

Auch die Winterhilfe Schweiz leitet abgegebene Altkleider direkt an Bedürftige weiter. Altkleider können an die Organisation geschickt oder direkt vorbei gebracht werden: Winterhilfe Schweiz, Clausiusstrasse 45, 8006 Zürich.

Das Rote Kreuz betreibt zwar keinen zentralen Sammeldienst, verschiedene Kantonalverbände führen jedoch Secondhandläden für Altkleider. Es sind dies Bern, St. Gallen, Basel-Stadt, Freiburg, Neuenburg und Genf. Die Kleidung kann in den Geschäften abgegeben werden und wird dann weiterverkauft.

«Der Erlös dient dazu, die Tätigkeiten des Kantonalverbands mitzufinanzieren», sagt Beat Wagner, Kommunikationschef des Roten Kreuzes. Die Läden stehen grundsätzlich allen Personen offen – «je nach Kanton gibt es aber spezielle Regelungen für Menschen in besonders bedrängten Verhältnissen, die mit der Bestätigung eines Sozialdienstes oder einer Beratungsstelle oder nach Absprache Kleider gratis beziehen können», wie Wagner erläutert.

Unsere alte Garderobe loszuwerden, ist praktisch wie befriedigend: Die Entsorgung in Altkleidersäcke und Containern kostet nichts und gibt uns das Gefühl, Gutes zu tun: So glauben viele, unsere  gebrauchten Kleider erfreue Menschen in Not. Was die meisten Spender jedoch nicht wissen: Als Direkthilfe bei Bedürftigen oder in Katastrophengebieten landet kaum je ein Kleidungsstück.

Unsortiert ins Ausland verkauft

Stattdessen verkaufen Sammelunternehmen den grössten Teil der Altkleider direkt ins Ausland, die Mehrheit davon sogar unsortiert. Tell-Tex etwa mustert nur 10 Prozent im Inland aus, der Rest liefert die Sammelfirma direkt an Sortierwerke in Belgien oder Italien. Die Konkurrenz Texaid sortiert immerhin 35 Prozent der Ware in der Schweiz und besitzt eigene Verarbeitungszentren in Osteuropa.

Egal, ob Firmen unsere Altkleider in der Schweiz sortieren oder erst im Ausland: die Käufer bleiben dieselben. Abnehmer unserer getragenen Kleider sind nicht etwa karitative Organisationen – sondern Textilhändler. So wird unsere Kleiderspende zu einem begehrenswerten Gut auf dem Weltmarkt. Und hier bestimmt nicht die Not der Armen den Wert der Ware. Hier zählt das knallharte Geschäft.

Hauptkriterium: Lässt sich Ware verkaufen?

Ware aus der Schweiz ist der guten Qualität wegen besonders beliebt. Wie «Kassensturz» aufzeigt, sind die Anforderung an unsere Altkleider sehr hoch. Das Hauptkriterium bei der Sortierung lautet: «Brauchbar» ist diejenige Kleidung, die sich gut verkaufen lässt. Entsprechend wählerisch begutachten Sortiererinnen den Inhalt der Spendesäcke.

 Altkleider Diagramm
Die Qualitätsansprüche an die Altkleider sind hoch: Nur knapp die Hälfte der Ware wird als Second-Hand-Kleider weitergebraucht. SRF

Nur 55 Prozent der ausgemusterten Ware wird als Second-Hand-Kleider verkauft. 35 Prozent werden zu Rohstoffen verarbeitet etwa für die Maschinen- oder Automobilindustrie. Aus einem unbrauchbaren T-Shirt entsteht beispielsweise ein Putzlappen, aus einem ausgedienten Wollschal spinnen Reissereien neues Garn. 10 Prozent der Kleiderspenden landen im Abfall. Doch «Kassensturz» weiss: Auch gute Ware landet im Recycling. «Selbstgestricktes gilt in den Abnehmerländern als Zeichen von Armut und ist dort nicht verkäuflich», erklärt Martin Böschen, CEO von Texaid.

Schafft es ein Kleidungsstück auf den Second-Hand-Markt, profitieren nicht die Armen in Form von einer Kleiderhilfe davon. Sämtliche Kleider werden verkauft. «Das Angebot an Altkleidern ist viel grösser als die Nachfrage in den Entwicklungsländern», sagt Böschen. Es sei nicht möglich, die Kleidung gratis abzugeben, weil Sortierung und Transport zu viel koste.

Texaid leistet nach Ansicht des Firmenchefs dennoch wichtige Hilfe. So sind an den Sammelunternehmen Hilfswerke beteiligt. Einen Teil des Verkaufserlös fliesst zurück an diese Organisationen. «Und dank den Altkleidern können sich Menschen, die nicht über den Schweizer Lebensstandard verfügen, in Würde qualitativ gute Ware leisten», argumentiert Böschen. 

Hilfswerke erhalten nur wenig

Die Hilfswerke und gemeinnützige Organisationen erhalten tatsächlich einen jährlichen Zustupf durch die Sammelfirmen. SIe können dieses Geld für karitative Zwecke benutzen. Die Geschäftszahlen von Texaid und Tell-Tex aber zeigen: Vom Verkaufserlös bleibt den Hilfswerken nur ein marginaler Teil. Tonnen an Altkleidern erfordern eine aufwändige Adminstration, Logistik und Infrastruktur. Das kostet.

So hat Texaid von ihrem Umsatz von 23,3 Millionen Franken im Jahr 2010 noch 2,6 Millionen Franken an die angegliederten Hilfswerke ausgeschüttet. Dazu mussten erst noch Reserven angezapft werden. Aufgeteilt an die Hilfswerke bleiben beim Beispiel des Schweizerischen Roten Kreuzs noch 150 000 Schweizer Franken übrig.

Bei Tell-Tex ist die Marge etwas grösser. Dies aus einfachem Grund: Die Firma verkauft die Ware sofort und lässt zumeist im günstigen Ausland sortieren. Das brachte der Firma im Jahr 2010 einen Umsatz von 10,4 Millionen Franken ein. Davon blieben den Hilfswerken noch 2,1 Millionen Franken. Geld also, das Menschen in ärmeren Länder für unsere umsonst entsorgten Kleider bezahlen.

Lokales Textilgewerbe gefährdet

Der Handel mit Altkleidern ist umstritten. Kritiker behaupten, die Schwemme der gebrauchten Kleider würde insbesondere in Afrika die einheimische Textilbranche zerstören. So zeigt ein Bericht von 2007 der «International Textile Garment and Leather Workers Federation» (ITGLWF), dass Zehntausende Arbeitskräfte in der Textilbranche ihre Arbeit verloren haben.

Die Untersuchung hält fest, dass der Import von Altkleidern in Afrika zwar Arbeitsplätze schafft. Dennoch halten sich für die Organisation positive und negative Aspekte nicht die Waage. So würden die Menschen unter dem Strich durch den Handel mit Altkleidern nicht reicher, sondern eher ärmer.


Strickwaren sind kaum gefragt: Berge an gebrauchter Kleidung stapeln sich im Sammellager. Aus den alten Wollsachen spinnen Reissereien neues Garn. SRF

ITGLWF prangert auch den moralischen Aspekt der Kleiderspenden an. Die westlichen Spender glaubten, sie würden mit der Entsorgung den Ärmsten helfen. Tatsache aber laut ITGLWF ist, dass die Ware mit möglichst hohem Profit an die Menschen gebracht werde.

Texaid-Chef Böschen argumentiert wiederum: «Es gibt verschiedene Gründe, warum der Textilmarkt in Afrika zu Boden ging. Bürgerkrieg etwa oder die Billigware aus Asien», sagt Martin Böschen. «Der Handel mit Altkleidern spielt dabei höchstens eine kleine Rolle, wenn überhaupt.»

Hohes Konsumtempo drosseln

Für den Konsumenten bleibt ein Dilemma mit seinen Altkleidern. Landen die gebrauchten Kleider im Sammelcontainer, wird ihr Lebenszyklus immerhin verlängert. Sei es im Recylcling oder als Second-Hand-Ware. Allerdings geht man damit das Risiko ein, die Armut in den Entwicklungsländern gar zu fördern.

Kleiderhilfe, die ankommt

Wer sicher  sein will, dass seine alten Kleider weiter getragen werden oder  bedürftigen Menschen zugute kommen hat mehrere Möglichkeiten: Er kann sie selber am Flohmarkt verkaufen, privat weitergeben oder der Kleiderhilfen von Hilfswerken abgeben  – zum Beispiel bei den  Kleiderspende-Diensten der Hilfswerke Caritas und dem Schweizerischen Roten Kreuz.

Caritas betreibt seit über 40 Jahren ein eigenes Sortierwerk in Waldibrücke nahe Luzern. Dort werden nach eigenen Angaben jährlich rund 650 Tonnen Altkleider sortiert.

Der Grossteil der Kleider wird für die Not- und Katastrophenhilfe im Ausland verwendet. Caritas Schweiz liefert die Kleidungsstücke an Partnerorganisationen in Osteuropa, Afrika und Lateinamerika.

Drei bis vier Prozent der gesammelten Altkleider bleiben laut Hugo Fuchs, Verantwortlicher Kleiderspenden bei der Caritas, in der Schweiz. Sie kommen entweder in den «Kleiderhilfe»-Laden in Emmen, in dem Menschen mit knappem Budget einkaufen können, oder in den Secondhandladen in Waldibrücke, der für alle offen ist.

Wer Caritas Kleider zur Verfügung stellen möchte, kann dies auf unterschiedliche Wege tun: Caritas holt Kleider und Schuhe persönlich ab, nimmt sie aber auch in der Kleiderzentrale oder in regionalen Caritas-Stellen entgegen. Ausserdem befinden sich in der Stadt und Region Luzern mehrere Caritas-Sammelcontainer.

Auch die Winterhilfe Schweiz leitet abgegebene Altkleider direkt an Bedürftige weiter. Altkleider können an die Organisation geschickt oder direkt vorbei gebracht werden: Winterhilfe Schweiz, Clausiusstrasse 45, 8006 Zürich.

Das Rote Kreuz betreibt zwar keinen zentralen Sammeldienst, verschiedene Kantonalverbände führen jedoch Secondhandläden für Altkleider. Es sind dies Bern, St. Gallen, Basel-Stadt, Freiburg, Neuenburg und Genf. Die Kleidung kann in den Geschäften abgegeben werden und wird dann weiterverkauft.

«Der Erlös dient dazu, die Tätigkeiten des Kantonalverbands mitzufinanzieren», sagt Beat Wagner, Kommunikationschef des Roten Kreuzes. Die Läden stehen grundsätzlich allen Personen offen – «je nach Kanton gibt es aber spezielle Regelungen für Menschen in besonders bedrängten Verhältnissen, die mit der Bestätigung eines Sozialdienstes oder einer Beratungsstelle oder nach Absprache Kleider gratis beziehen können», wie Wagner erläutert.

Die «Erklärung von Bern» geht bei der Debatte einen Schritt zurück und setzt bei uns Konsumenten an. Der Verein unterstützt die internationale Aktion «Clean Clothes Campaign». Das Tempo in Produktion und Konsum von Kleidern sei enorm gestiegen.

«Wenn die Altkleidersammlung zur Gewissensberuhigung wird und als Vorwand dient, damit man sich immer wieder neue Kleider shoppen kann, dann ist das aus Nachhaltigkeitssicht her falsch.»

 

Seen on:

http://www.kassensturz.sf.tv/Nachrichten/Archiv/2011/12/20/Themen/Umwelt-und-Verkehr/Kleidersammlungen-Kommerz-statt-Karitas

 

Also, denkt zweimal nach an wen ihr eure Kleider "spendet"! Eine gute Alternative zu Caritas wäre aus meiner Sicht ganz bestimmt die Winterhilfe Schweiz: http://www.winterhilfe.ch/

S. Philosophy for less